Gedenkarbeit als Beitrag für eine gemeinsame Zukunft.
Wohin geht der Weg in Zypern?
am 27. Juni 2009
Inhalt:
Zypern-Informationstag in der Gedenkstätte KZ Osthofen
am 27. Juni 2009
Bericht von Dorothee Pilavas
Ein ungewöhnlicher Ort für die Begegnung von Menschen aus Deutschland und Zypern - und gleichzeitig sehr naheliegend: die Gedenkstätte KZ Osthofen. Hier, wo Gegner der NS-Diktatur einst inhaftiert und gequält wurden und wo heute die Erinnerung an die Opfer wach gehalten wird, erzählten Menschen aus beiden Teilen Zyperns von ihren Angehörigen, die zu Opfern von Krieg und Bürgerkrieg wurden und deren Schicksale zum Teil bis heute nicht aufgeklärt sind. Die dunkle Geschichte Zyperns ist vielfach nicht bekannt und wirft doch ihre Schatten auf die ungewisse Zukunft der noch immer geteilten Sonneninsel.
Aus Anlass seines zehnjährigen Bestehens hatte das Deutsch-Zyprische Forum (DZF) am 27. Juni 2009 zu einem Zypern-Informationstag nach Osthofen eingeladen. Rund 60 Gäste aus Deutschland und aus beiden Teilen Zyperns diskutierten über die historischen Hintergründe des Konflikts, seine Auswirkungen auf die Europäische Union sowie die kritischen Punkte der aktuellen Verhandlungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten. Im Mittelpunkt stand die Suche nach den Vermissten, die in den Jahren 1963/64 und 1974 ums Leben gekommen sind, die Aufklärung ihrer Schicksale und die Trauerarbeit mit den Angehörigen. "Erinnerung gibt die Möglichkeit der Aussöhnung und damit die Chance für eine gemeinsame Zukunft", betonte Staatssekretär Michael Ebling vom Rheinland-Pfälzischen Bildungsministerium in seinem Grußwort. Der DZF-Vorsitzende Eckart Kuhlwein forderte eine Versöhnungskommission, die den Opfern ihre Würde wiedergeben und die Basis für ein wiedervereinigtes Zypern bilden könnte.
Erste Schritte zur Aussöhnung geht der in Berlin lebende türkisch-zyprische Maler Hulusi Halit, der die Thematik der Vermissten in seinen Bildern aufgreift. Damit möchte er gegenseitiges Verständnis für die Schicksale der Menschen aus beiden Inselteilen wecken. Seine Wanderausstellung "This is my land" wurde am Samstag in Osthofen eröffnet und ist dort noch bis zum 2. August zu sehen. Inspiriert wurden seine Bilder von der Arbeit der türkisch-zyprischen Journalistin Sevgül Uludag, die ebenfalls nach Osthofen gekommen war und aus ihrem Buch "Muscheln, die ihre Perlen verloren" las. Darin beschreibt sie die Schicksale von Vermissten beider Bevölkerungsgruppen sowie die schmerzhafte Suche der Angehörigen nach deren Gräbern.
Die Feigen aus Ahmeds Garten
Fast wundersam klingt die Geschichte von Ahmed Cemal. In der Umgebung von Limassol an der Südküste Zyperns wuchsen Feigenbäume aus einer Höhle. Ein ungewöhnlicher Ort für diese Bäume, denn es gibt weit und breit keine weitere Vegetation und schon gar keine Feigenbäume dieser besonderen Sorte. Xenophon Kallis, einem Mitglied des Ausgrabungskomitees, war dies aufgefallen und er veranlasste weitere Nachforschungen. Tatsächlich fand man dort Knochen - menschliche Überreste von Ahmed Cemal und zwei weiteren Männern. Ahmed Cemal hatte einen Feigenbaum dieser Sorte besessen und vor seinem Tod davon gegessen. Aus den Samen waren die Bäume an diesem ungewöhnlichen Ort gewachsen. Die Feigen aus Ahmeds Garten waren der Schlüssel zu seinem Grab, das seine Mörder hatten geheim halten wollen.
Wie wichtig es ist, die Eltern oder Geschwister zu finden und endlich begraben zu können, zeigten auch die bewegenden Erzählungen von Angehörigen aus beiden Teilen Zyperns, die zur Veranstaltung gekommen waren. Sie haben sich in einer Gruppe der Angehörigen von Vermissten und Kriegsopfern zusammengeschlossen, der griechische und türkische Zyprioten angehören. "Unser gemeinsamer Schmerz ist unsere gemeinsame Zukunft", sagt Sevgül Uludag, die vielen solcher Schicksale auf die Spur gekommen ist und damit ein langjähriges Tabu bricht. Damit hat sie sich jedoch auch viele Feinde gemacht hat. Immer wieder ist sie Verleumdungen und Morddrohungen ausgesetzt.
Ein langer Prozess
Dass es auch in Deutschland lange gedauert hat bis die Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur akzeptiert wurde, erläuterte Uwe Bader, Leiter der Gedenkstätte KZ Osthofen. Vieles konnte in den vergangenen sechs Jahrzehnten Bundesrepublik überwunden und aufgeklärt werden, vieles liegt noch immer im Dunkeln. Entscheidend ist jedoch, dass die Gedenkarbeit letztendlich zur Aussöhnung mit den europäischen Nachbarländern geführt hat. Durch das gemeinsame Gedenken ist Europa zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen. Diese Botschaft wird auch über den Informationstag hinaus von Osthofen nach Zypern gehen, wenn die Erfahrungen aus der deutschen Gedenkarbeit für die gemeinsame Aufarbeitung der zyprischen Vergangenheit genutzt werden.
Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund und der EU, der Landeszentrale für politische Bildung als Träger der Gedenkstätte sowie der Bundeszentale für politische Bildung.